Was ist Freiheit

Veröffentlicht: 13. Oktober 2011 von tachribri in Film, Freiheit

(Inspiriert durch den Film „Drei Farben: Blau“ und http://www.epos.uni-osnabrueck.de/music/templates/buch.php?id=25)

Bedeutet Freiheit, frei zu sein von allem, was bindet?

Diese Frage wirft sich durch den oben genannten Film auf. Wenn man etwas so Schreckliches erlebt wie die Hauptperson des Filmes, will man, wie sie, erst einmal Abstand gewinnen bzw. alle Erinnerungen an die Person, die man verloren hat, vernichten, um nicht länger gequält zu werden. Dazu müssen auch alle Beziehungen abgebrochen werden, letztlich muss man sein ganzes Leben ändern, sich eine neue Umgebung suchen, um zumindest nicht mehr bei jedem Schritt und Tritt daran denken zu müssen. Vielleicht beschließt man auch, nie wieder Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen – auch sie könnte man doch eines Tages wieder verlieren, und dieses Risiko will man nicht mehr eingehen. Die Frau aus dem Film drückt sich so aus: »Aber jetzt habe ich verstanden, dass ich nur noch eins tun werde: nichts; dass ich keinen Besitz mehr will, keine Erinnerungen, keine Liebe, keine Bindungen, keine Freunde.«

Im Laufe des Films erlebt sie aber, dass Erinnerungen wie das Seil bei einem Bungeesprung sind: Wenn man losspringt (wenn man sich befreien will), spürt man zunächst nichts mehr von dem Seil und erlebt kurzfristig das Gefühl „absoluter Freiheit“ – aber bevor man den Boden erreicht, spannt es sich und man wird von ihm zurückgehalten (die Erinnerungen holen einen irgendwann wieder ein).

Diese Rolle der Erinnerung übernimmt in dem Film die Musik ihres Mannes, die ihr ständig in den Kopf kommt – genauso, wie man sich von einem Ohrwurm nur schwer wieder trennt, sind auch Erinnerungen nur schwer loszubekommen.

Letztlich muss sie einsehen, dass sie nicht ewig davonrennen kann, und sie beginnt, sich wieder neu für ihre Umwelt und menschliche Bindungen zu öffnen, schließlich komponiert sie sogar das Stück zu Ende.

Ich denke, dass das eine sehr gute Metapher ist: Freiheit bedeutet meiner Meinung nach nicht, frei zu sein von jeglicher Bindung und sich von allem loszusagen. Man mag eine Weile lang vermeintlich frei sein, aber irgendwann kommt, wie in dem Film mit der Musik, alles wieder zurück, und man spürt, dass man doch noch immer an dem „Bungeeseil“ der Erinnerungen hängt.

„Die Flucht nach vorn“ ist es also nicht, was frei macht. Ich denke, dass nur der frei ist, der vor nichts mehr davonlaufen muss, der seinen Frieden mit der Vergangenheit und mit seiner Lebenssituation geschlossen hat.

Was denkst du darüber? Was ist Freiheit?

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Kommentare
  1. schmetterling02 sagt:

    Erst einmal möchte ich sagen, dass ich deinen Beitrag sehr gut finde.
    Du bringst die Frage was Freiheit eigentlich bedeutet sehr gut mit dem Film in Verbindung und erklärst einige symbolträchtige Dinge des Films (die Musik ihres Mannes, an die sie ständig denkt…). Durch dein Beispiel mit dem Bungeesprung wurde
    mir erst richtig klar, warum gezeigt wird, dass die Mutter der Hauptperson sich
    Bungeesprünge im Fernsehen ansieht.

    Im Übrigen bin ich so ziemlich der selben Meinung wie du.
    Man ist nicht frei, wenn man alle Erinnerungen an einen Menschen den man verlohren hat oder ein schlimmes Erlebnis einfach verdrängt und versucht zu vergessen.
    Man wird sein ganzes Leben lang immer und immer wieder durch z.B. Musik (wie in dem Film) an die Person erinnert werden. Verlässt man seinen Wohnsitz, um nicht ständig durch das Haus, die Leute oder Orte an denen die Person besonders gerne war, an diese erinnert zu werden gelingt es einem vielleicht für eine Weile, alles (vermeintlich) hinter sich zu lassen. Doch kommt man an einen ähnlichen Ort oder kehrt aus einem anderen Grund zurück, wird die Erinnerung unweigerlich zurückkommen.

    Man ist nur frei, wenn wenn man das Geschehene verarbeiten und mit sich ins Reine kommen kann.
    Nur dann kann man an die Vergangenheit zurückdenken und mit ihr leben.
    Ich denke Menschen, die nicht mit ihrer Vergangenheit im Reinen sind, kämpfen in gewisser Weise ihr ganzes Leben einen Kampf gegen sie. Sie müssen doch permanent darauf achten, nicht an den z.B. Heimatort (wenn man ihn verlassen hat um nicht mehr an eine Person erinnert zu werden) zurückzukehren und auch sonst nie an die Vergangenheit erinnert zu werden. Schon allein dieses Verhalten hindert sie daran, frei zu sein in ihrem Leben aber auch in ihrem Denken.

    Meiner Meinung nach ist Freiheit, frei zu sein von „Altlasten“.
    Erst, wenn man mit sich selbst und seiner Vergangenheit im Reinen ist, ist man wirklich frei.
    Dabei helfen auch keine Rechte und Gesetze, die ein Recht auf Freiheit (auch Presse-, Meinungs- und Redefreiheit) garantieren. Wirklich frei ist man erst dann, wenn man auch mit seiner Vergangenheit
    Freiden geschlossen hat.

  2. granum10 sagt:

    Ich finde deinen Beitrag auch sehr gut und kann dem obrigen Kommentar nur zustimmen. Du hast die Frage sehr gut erläutert und gute Beispiele vorangeführt, die auch mit dem Film im Zusammenhang stehen. Meine Meinung nach ist frei zu sein, dass man keine Verpflichtungen, keine Sorgen hat und von niemandem Abhängig ist. Doch die Freiheit ist eine Vorstellung, ein Ideal oder sogar eine Illusion. Die Freiheit eines Menschen kann meiner Meinung nach nie in Erfüllung gehen, da jeder zu jeder Sekunde in seinem Leben von irgendjemand oder irgendetwas eingeschränkt wird. Beispiele für die Abhängigkeit wäre die Arbeitsstelle, der Partner, das Geld oder der Staat. Doch auch wenn die Freiheit auch nur eine Vorstellung ist, haben viele Menschen zu mancher Zeit das Gefühl frei zu sein, wenn sie z.B. in diesem Moment das Gefühl der Unabhängigkeit spüren oder den „ich kann machen was ich will“ Gedanken in sich haben. So ist auch wenn nur eine Illusion, die Vorstellung der Freiheit ein Ziel für manche Menschen, auch wenn sie dieses nie wirklich erreichen werden.

  3. mitochondriumatp sagt:

    Liebe tachribri ich finde dein Beitrag sehr gelungen. Für mich bedeutet Freiheit, die Möglichkeit zu haben, das Leben zu genießen und das zu machen was ich will. Das heißt, wenn ich gerade sehr viel für die Schule zu tun hätte zum Beispiel Hausaufgaben, Präsentationen, Referate, für Klausuren lernen, … , habe ich dennoch die Freiheit zu entscheiden ob ich es mache oder nicht. Ich kann mich entscheiden stur die Aufgaben für die Schule zu erledigen, nur einen Teil davon zu machen, nichts davon zu erledigen oder auch einfach mal abzuschalten, um neue Energie zu tanken (Freunde treffen, ins Kino zu gehen, ein Konzert zu besuchen,…). Wenn ich mich dafür entscheide die Dinge für die Schule nicht zu machen, da ich mir die Freiheit genommen habe Spaß zu haben, muss ich jedoch mit den Konsequenzen rechnen (schlechte Noten, schlechter Eindruck bei den Lehrern,…).
    Ein Punkt, der die Freiheit einschränkt sind die gegebenen Mittel (finanziell,…). Wenn man sich dafür entscheidet am Wochenende mal kurz weg zufahren, ist man zum Beispiel an Geld gebunden. Wenn man eher weniger davon hat kann man nicht sehr weit weg fahren oder fliegen. Im Gegensatz dazu können Leute, die mehr Geld haben, weiter weg „reisen“.

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