alltägliches genau betrachten

Veröffentlicht: 1. Januar 2012 von FrauSchuetze in philosophieren

Beschreibe ein Ereignis des alltäglichen Lebens ganz genau, in allen Einzelheiten, von möglichst vielen Seiten: was passiert beim Suchen in der Geldbörse nach einem 20ct-Stück? Wie bläst du eine Kerze aus, wie sieht es vor- und wie hinterher aus? Wie fühlt es sich an, eine lange Treppe hinunterzulaufen?

 

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Kommentare
  1. sandrairena sagt:

    Wenn ich eine Kerze beobachte, fühle ich regelrecht die Wärme, die die Kerze ausstrahlt. Mir macht es Freude die Kerze in ihrer gelblich-roten Flamme zu beobachten, wie sie auf jede kleine Luftströmung reagiert und tanzt, wie sie umher flackert. Hole ich dann ganz tief Luft, um die Kerze auszublasen, fühle ich, wie sich meine Lungen mit Luft füllen. Dann forme ich mit meinen Lippen ein O und blase die Luft wieder kräftig hinaus auf das tanzende Kerzenlicht. Steht die Kerze ein wenig entfernt, passiert noch nicht gleich etwas, nachdem ich die Luft ausgepustet habe. Erst nach einer kurzen Weile erfährt die Flamme der Kerze die Luftströmung und flackert sehr heftig – und geht aus. Ich sehe, wie die Famme erlischt und von dem Kerzendocht ein Streifen von Rauch emporsteigt. Es riecht nach dem Rauch und fängt man an, mit der Hand den Streifen wegzuwedeln, so verteilt sich der Duft im ganzen Raum. Es ist nun dunkel und ich fühle mich alleine und verlassen. Auch wenn die Kerze mit ihrem Licht keine Person war, gab sie trotzdem eine lebendige Kerzenflamme von sich, die tanzte. Das Lustige und Schöne ist verschwunden. Aber mit einer Feuerzeug oder einem Streichholz kann man die Kerze wieder zum Leben erwecken…

  2. tachribri sagt:

    Eine Treppe hinunterlaufen ist gar nicht so leicht. Manche Treppenstufen haben unregelmäßige Abstände, manche sind niedriger, andere höher, manche sind vielleicht schon kaputt, so dass man sich konzentrieren muss beim laufen. Man nimmt den ersten Schritt – und schwupps, man ist ein Sück weiter unten. Das gesamte Sichtfeld verschiebt sich. Ein Stück vom Treppengeländer tritt in den Blick. Man fast es an, spürt unter den Händen das kalte, rauhe Material. Man geht wieder eine Stufe weiter nach unten, und spürt, wie die Treppe das Gewicht trägt. Ich muss nur darauf achten, dass ich mein Bein nach vorne strecke, auf die nächste Stufe, dabei rollt der andere Fuß ab und kommt nach – es geht wie von selbst, dank dem Gesetz der Schwerkraft. Wenn man eine Pause einlegen will, setzt man sich einfach nach hinten – das geht beim Aufsteigen nicht, da muss man sich erst umdrehen! Aber beim Absteigen hat man nicht die Treppe, sondern den Ausblick vor Augen. Stück für Stück nähert man sich dem Erdboden oder dem nächsten Stockwerk an. Auf großen, prunkvollen Treppen wie in Schlössern achtet man angesichts der prächtigen Umgebung automatisch auf die Körperhaltung. Man will sich würdevoll fühlen, wie einst die Könige und Königinnen, die hier herabstolzierten. Da rennt man nicht – man schreitet. Unter einem knarzt das Holz. Das kennt man noch von früher – heimliche Nachtaktionen in der Kindheit, Süßigkeitennaschen oder sonstige Geheimmissionen, und man tritt ganz vorsichtig und langsam nach unten, um zu testen, ob die Stufe „sicher“ ist. Nicht, dass man noch die anderen aufweckt. Aber mit der Zeit kennt man die gefährlichen Stellen, und meidet sie – indem man z.B. ganz am Rand läuft oder auf dem Geländer runterrutscht. In Wendeltreppen, wie sie oft in Aussichtstürmen sind, hört man ein Knirschen unter den Füßen. Man zählt die Stufen, und man fühlt sich wie im Drehwurm, es geht immer im Kreis, wie eine Abwärtsspirale. Schade, denkt man, ich bin so mühevoll hier hochgelaufen, und was bleibt mir nun davon? – Aber ist es im Leben nicht genauso?

  3. tachribri sagt:

    Jeder kennt es, wie es ist, an der Kasse zu stehen und zu bezahlen. Hinter einem eine Schlange, vor einem die Kassiererin. Mir ist aufgefallen, dass diese oft äußerst diskret sind. „Achteurozwanzigbitte“ sagen sie – und schauen weg. Warum? Um die Kunden nicht unter Druck zu setzen. Denn manchmal dauert die Kleingeldsuche – man will ja möglichst passend bezahlen – ein bisschen länger. Ich denke, so etwa 8 Sekunden räumen sie jedem ein. Was sie in dieser Zeit wohl denken? Vielleicht sowas wie „Diese Schokolade hätte ich mir nicht gekauft“ oder „Merken die denn nicht, dass die Billig-Tomaten nicht schmecken?“. Dann kucken sie einen wieder an, weil sie erwarten, dass man ihnen das Geld geben will. Was, wenn man schon sofort den 10-€-Schein parat hatte? Das überrascht sie oft. Sie merken, dass man sie ansieht und ihnen etwas hinhält, und brechen ihr Wegsehen ab. Was, wenn man länger braucht, als 8 Sekunden? Dann wird es langsam peinlich. Man KANN ja bezahlen, und man WILL bezahlen, aber hatte man das Geld nun in die hintere oder in die vordere Hosentasche gesteckt? Oder doch in den Geldbeutel? Nanu, wo ist denn der 5-€-Schein? Ach, hinter der Kinokarte von gestern versteckt er sich. Und wird nun das Kleingeld für 3,20 reichen? Das ist DIE Frage in diesem Moment. Wenn nicht – dann hat man hoffentlich noch einen Schein dabei. Wenn doch, traut man sich schon gar nicht mehr, genau nachzuzählen, weil man merkt, dass sowohl die nachfolgenden Kunden als auch die Kassiererin langsam aber sicher die Geduld verlieren. Man legt einfach alles hin, die Dame an der Kasse sucht sich dann schon das Passende raus. Und wenn das Geld doch nicht hinlangt, wenn man sich verkalkuliert hat? Das ist mir schon mal passiert. Dann muss man den ganzen Mut zusammen nehmen und sagen: Tut mir leid, diesen Artikel kann ich doch nicht nehmen… Aber wenn nur ein einziger Cent fehlen würde? Irgendwann probier ich das mal aus, wie die Kassiererin dann reagiert. Möglicherweise erbarmt sich jemand hinter mir und „spendet“ mir den Cent, damit er heute auch noch drankommt. Das wäre fast schon eine Geste der Menschlichkeit, man hilft sich, auch wenn man sich nicht kennt. Ist das nicht eine Klage heutzutage, dass die Menschen immer unfreundlicher zueinander sind? Vielleicht sollten wir öfter mal einen Cent zu wenig haben, um den anderen das ermöglichen zu können, dass sie uns ihre Freundlichkeit erweisen, und sie geradezu dazu herauszufordern… wer diesen Glauben an die Menschheit nicht besitzt, sollte sich für den Notfall wappnen, damit man, wenn nach einer Weile wirklich niemand reagiert, sagen kann: „Ach, hier hab ich doch noch einen Cent gefunden…“

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