Müdigkeit

Veröffentlicht: 29. Juni 2012 von tachribri in philosophieren

„Müde macht uns die Arbeit, die wir liegenlassen, nicht die, die wir tun.“
(Marie von Ebner-Eschenbach)

Ich konnte entdecken, wie wahr diese Aussage ist. Zunächst wirkt es paradox: Normalerweise ist man doch erschöpft, wenn man viel arbeitet, noch dazu körperlich arbeitet. Aber durch das Nichtstun müde werden? Wie geht das? Ist Entspannen nicht eine schöne Beschäftigung? Eigentlich schon. Aber hier geht es um ein besonderes Nichtstun: Nicht etwa um das Ausruhen nach getaner Arbeit, oder das geruhsame Dösen an einem Ferientag, sondern das Nichtstun, wenn man eigentlich viel arbeiten müsste. Außerdem ist die Müdigkeit hier weniger auf den Körper, als vielmehr auf das seelische Befinden bezogen.

Ich für meinen Teil erlebe das oft: In meinem Hausaufgabenheft stehen so viele Dinge, die ich erledigen müsste, Klausuren, die vorbereitet werden müssten, und auch im Hinterkopf gibt es noch eine Liste, die sich mehr um meine Familie und meine Freunde dreht und um Beziehungen, die gepflegt werden müssten. Von allen Seiten werden Erwartungen gestellt. Ich sehe all das vor mir, und trotzdem fange ich nicht an zu arbeiten. Ich bin irgendwie blockiert. Gleichzeitig stehe ich unter Druck, weil die Zeit vergeht. Und diese innere Blockade und das schlechte Gewissen zermürben mich, machen mich müde.
Oft erlebe ich, wenn ich dann doch noch anfange, dass die erledigte Arbeit mich richtig glücklich macht, und ich Spaß daran habe, die Liste abzuarbeiten. Aber der erste Schritt der Überwindung fällt sehr schwer.
Am Schlimmsten ist es sogar, wenn ich keinen Termindruck habe – dann schiebe ich die Arbeit vor mir her und werde sie nie los, sie schwebt immer über mir wie ein Schatten. Ich kann keinen Frieden mehr haben, solange sie mir immer wieder in den Sinn kommt und mich geradezu quält, weil ich Angst vor ihr habe, oder weil ich sie in meiner Faulheit für sehr aufwendig oder unangenehm halte.

Seelisch müde machen auch die Pflichten, die unser Gewissen uns vorschreibt, aber die wir trotzdem liegenlassen, ignorieren und einfach weitergehen. Man hat die Gelegenheit nicht genutzt, und nun ist sie vorbei, und man fühlt sich schuldig. Innere Vorwürfe rauben die Ruhe. Es war nicht richtig, das Notwendige zu unterlassen, und doch hat man es getan. Wie viel hätte man sich erspart, wenn man einfach angepackt hätte! Es wäre vielleicht anstrengend und schwierig gewesen, aber dafür könnte man noch ruhig schlafen, das Gewissen wäre rein.
So eine unerfüllte Pflicht kann z.B. unterlassene Hilfeleistung bei einem Autounfall sein, an dem man einfach vorbeifährt, oder wenn man einem Mitschüler nicht hilft, von dem man weiß, dass er große Probleme hat, und eines Tages erfährt man, dass er Selbstmord gemacht hat.
Manche Menschen schleppen solche Erlebnisse ihr Leben lang mit sich herum und können sich nicht vergeben. So etwas ist nie wieder gutzumachen! Wäre man nur vorher schon so klug gewesen, und hätte sich nicht gedrückt.

Insofern ist die Arbeit, die man liegen lässt, viel belastender und zermürbender als die Arbeit, die man angeht und erledigt. Bei der einen wird man seelisch, bei der anderen körperlich müde – und seelische Müdigkeit ist oft schwerwiegender und lässt sich nicht so leicht beheben, wie körperliche Erschöpfung.

Hat dich das Nichtstun schon mal erschöpft?

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Kommentare
  1. schmetterling02 sagt:

    Ja, das Nichtstun hat auch mich schon des Öffteren erschöpft.
    In aller erster Linie, so wie du es zu Beginn deines Beitrags geschrieben hast. Auch ich war schon oft in der Situation eine lange Liste zu haben und diese einfach nicht abarbeiten zu können.
    Du hast diese Situationen sehr treffend beschrieben, ich konnte mich teilweise gut darin wiederfinden.
    Ich habe mir Mittlerweile angewöhnt die Hausaufgaben sogut es (zeitlich) geht noch am gleichen Tag zu erledigen, damit die lange Liste erst garnicht entstehen kann, doch des Öffteren klappt mein Plan nicht, da doch Dinge liegen geblieben oder vergessen worden sind, die unbedingt erledigt werden müssen, bevor man mit den aktuellen (z.B.) Hausaufgaben anfangen kann.
    Schlimm finde ich, dass die Liste immer länger wird, wenn man sich nicht gleich an die Arbeit macht und man dann immer größere Hemmungen hat damit anzufangen. Doch wenn man dann alles erledigt hat, fühlt man sich richtig gut, so wie du schon gesagt hast.
    Im ersten Moment sind mir zu dem Thema solche Dinge wie Schuldgefühle etc. nicht eingefallen, doch deine Erklärung ist wirklich sehr einleuchtend und mir ist bewusst geworden, dass auch solche Dinge uns müde machen.

  2. 4blueberrys sagt:

    Ich konnte mich in deiner Beschreibung ebenfalls sehr gut wiedererkennen. Ich neige wirklich sehr dazu, alles vor mir herzuschieben und nicht gleich zu erledigen. Beispielsweise mache ich mir am Anfang jeder Ferien immer eine Liste, was ich erledigen muss und was ich sonst noch machen möchte, und meistens ist diese Liste am Ende der Ferien um kaum einen Punkt kürzer geworden. Und du hast Recht, das ist wenn man mal darüber nachdenkt, wirklich sehr zermürbend. Und je mehr Dinge dazukommen, desto weniger gern fängt man an sie abzuarbeiten. Im extremen Fall kann man dabei auch sein Selbstvertrauen verlieren, wenn man sich denkt “ das schaffe ich doch sowieso nicht, ich hab es doch die ganze Zeit lang nicht geschafft “ oder ähnliches.
    Der einzige Ausweg wäre dann, denke ich, es einfach zu tun. “ Seinen inneren Schweinehund überwinden „, sozusagen, auch wenn man nicht motiviert ist, andernfalls wird die Liste eben nur länger und es wird immer schwieriger, anzufangen.

  3. sandrairena sagt:

    Als ich das Zitat das erste Mal las, kam mir es widersprüchig vor. Warum soll uns liegengelassene Arbeit müde machen? Aber du hast das in deinem Beitrag sehr gut erklärt. Auch ich konnte mich sehr gut hineinversetzen, aber ich denke, dass sich darin fast jeder finden kann. Mir geht es dann immer noch so, dass selbst, wenn ich die Liste, die zu erledigen ist, abgearbeitet habe, ich immer und immer wieder noch etwas hier und da machen könnte. Denn Arbeit findet man immer wieder. Aber sich einfach selbst zu überwinden und an die lange Liste herangehen, brauch manchmal sehr viel Motivation und auch Kraft, die einen dann müde macht.
    Somit stimmt es dann in der seelischen Art, dass erledigte Arbeit erleichtert und auch aufmuntert. Es zeigt einem, dass man etwas getan hat, einfach weiter kam und gibt einem seelisch und geistig nur Kraft und macht nicht müde.
    Was hier ein sehr passender Spruch ist, nach dem, sollte man nach dieser Weissagung handeln, die Arbeit nicht müde macht, sondern einem Erfolge zeigt, lautet: „Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auch morgen.“

  4. granum10 sagt:

    Auch ich finde deinen Beitrag sehr gelungen und sehr treffend. Acuh auf mich würde das angesprochene Thema passen.
    Zuerst dachte ich, dass es völlig absurd ist, dass die Arbeit, die man nicht gemacht hat, einen mehr fertig macht, als die, die man macht. Doch nach weiterem lesen deines Beitrages, wurde mir klar, dass es völlig richtig ist und dass es auch bei mir so ist. Auch ich schiebe die Arbeit tagelang vor mich her („Ich habe ja noch Zeit!“). So staut sich diese regelrecht auf und ich muss alles in sehr kurzer Zeit erledigen. Auch wenn ich Arbeit erledigen müsste, fällt mir das Anfangen sehr schwer, da ich schnell müde werde und einfach keine Lust dazu habe. So hat sich für mich das Zitat eingeprägt: „Richtig „Chillen“ kann man nur, wenn man eigentlich Arbeit erledigen müsste!“

  5. Wie auch die vorherigen Kommentare, kann ich mich dem nur anschließen.
    Ich konnte mich in den auf den Alltag bezogenen Situationen oftmals eins zu eins wiederfinden.

    Gerade in der Situation, in der ich mich jetzt befinde. Ich habe das ganze Halbjahr dafür Zeit gehabt, hier meinen Beitrag zu verfassen und meine Kommentare, wie diesen hier, abzugeben. Nachdem ich diese Arbeit immer vor mich hergeschoben habe kam ich in die Arbeitsphase am Ende des Schuljahrs. Unter dem Druck, der auf mir (einerseits vorhersehbar, andererseits auch plötzlich) lastete vergaß ich diese Aufgabe und schreibe meine Arbeit erst zu einem Nachholtermin.
    Wenn man dann wie in diesem Beispiel am Ende des Schuljahres alle aufgeschobene Arbeit auf einmal nachholen muss´, dann wird man müde von der liegengelassenen Arbeit!

  6. uschili sagt:

    Ich finde deinen Beitrag wie alle anderen bisher auch, sehr zutreffend und finde mich in einigen Beispielen wieder.
    Gerade jetzt, in den Weihnachtsferien geht es mir genauso. Ich wusste, ich habe eine scheinbar niemals endende To-Do-Liste und nur auf die wenigsten Dinge hatte ich Lust sie zu erledigen. Doch ich wusste, am Ende der Ferien gibt es keine Ausreden, ich muss alles erledigt, abgegeben, etc. haben und ich hatte auch vor so viel wie möglich zu schaffen. Allerdings sind Ferien ja ursprünglich zum Ausruhen da und gerade weil ich in den letzten Wochen sehr wenig Schlaf bekommen habe und deswegen hauptsächlich körperlich müde war, wollte ich mir zwei oder drei Tage gönnen, ausschlafen und dann mit viel frischer Energie an die Aufgaben gehen. Doch „Von Nischt kommt Nischt“ wie unser Physiklehrer immer sagt und er hat ja auch Recht, ich wollte mir einen Zeitplan machen und effektive Lernferien verbringen, doch die Müdigkeit hat oftmals gesiegt. Allerdings nicht die körperliche, sondern die seelische Müdigkeit. Ständig hatte ich eine Stimme die mir zuflüsterte was ich noch alles zu tun habe. Nur selten konnte ich die schönen Momente zu 100% genießen. Wenn ich dann einmal mich an die zu erledigenden Aufgaben wagte, so wie jetzt, wenn ich die Ethikkommentare schreibe, merke ich, dass ich wacher werde. Es ist teilweise so anstrengend wie Sport zu machen, aber man fühlt sich besser, wacher, einfach weil man weiss, man hat etwas geschafft. Ich bin mittlerweile an einem Punkt angekommen an dem ich wirklich etwas ändern will, einen geregelten Tagesablauf, weniger Stress, weniger seelische Müdigkeit. Danke für den Beitrag, denn er zeigt, dass es einfach keinen anderen Weg gibt, als das Sprichwort schon sagt, „erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ Darum liebe Leute, überwindet euren inneren faulen Schweinehund und arbeitet etwas, es wird euch gut tun! 🙂

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