„Wegguckgesellschaft“? Wie viel Heuchelei steckt in uns?

Veröffentlicht: 27. November 2013 von sumsilatipakitna in Anthropologie, Gesellschaft, philosophieren

Dass unsere heutige Gesellschaft eine Leistungsgesellschaft ist, ist klar. Ebenso dass wir in einer Konsumgesellschaft leben. Und einer Wegwerfgesellschaft. Doch leben wir auch in einer „Wegguckgesellschaft“?

Wie viel Heuchelei und Selbstbetrug, Schönfärberei und Leichtgläubigkeit steckt in uns?

Wir haben das Zeitalter der Aufklärung hinter uns gebracht. Wir begingen historische Fehler, wir lernten aus ihnen.
Dass wir in keiner perfekten Welt leben, mag jedermann nachvollziehen können. Doch nutzen wir unser privilegiertes Lebensumfeld in perfider Art und Weise aus?

Es wird gemault, wenn das Handy mal wieder kaputt ist. Aber wirklich problematisch ist das nicht, denn es kann ja gleich ein neues her. Stundenlange Shoppingtouren gehören für viele Mädels zum Alltag. 50€ Taschengeld scheint vielen gar nicht auszureichen. Party Party ist ein weit verbreitetes Lebensmotto unter jungen Leuten.

Switchen wir mal rund um die Welt.
Südafrika/Brasilien: Der Lebensmittelkonzern Nestlé kauft öffentliche Trinkwasserreservoire auf, lässt die Menschen vor Ort für einen Hungerlohn das Wasser in Flaschen abfüllen, die der „privilegierten Gesellschaft“ in unseren Breitengraden zugeführt werden. Nach der Arbeit kehren die Menschen in ihre Slums zurück. Kein sauberes Trinkwasser, ihre Kinder dursten, sie selbst müssen sich oft kilometerweit auf die Suche nach trinkbarem Wasser begeben. Nestlé zeigt sich großzügig: Ein kleiner Wasserhahn tröpfelt etwas von dem kostbaren Gut ab…

Indien/Pakistan/Bangladesch etc.: Ausbeutung von Arbeitskraft ist hier alltäglich, und vor allem bekannt. Millionen Kinder weltweit müssen ihre Familie versorgen, oder besser überleben helfen, indem sie arbeiten. T-Shirts nähen für H&M, Fußbälle für Adidas. Der Verdienst: einige zehn Cents am Tag vielleicht, die Fußbälle sogar bis zu 40 Cent pro Stück.

Die Reihe von absurd klingenden Ungerechtigkeiten lässt sich beliebig fortführen.

Diese fernen Länder sind weit entfernt, das stimmt. Doch jeder, der sich in irgendeiner Form medial informiert, wird auf solche Nachrichten gestoßen sein. Spätestens bei dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch im April dieses Jahres, mehr als 1100 Tote. Tot dafür, dass wir unsere superslim Jeans tragen, teure Kashmirwolle zum Spottpreis kaufen können.

Es soll in keinster Weise unser gutes Recht, Kleidung oder Luxusartikel zu günstigen Preisen zu kaufen, oder gar einfach Wasser zu trinken, kritisiert oder aberkannt werden! Aber ist es richtig und moralisch, ethisch vertretbar und mit der Vorstellung von Menschlichkeit vereinbar, den Kopf über solche unfassbaren Dinge zu schütteln und am nächsten Tag den Super-Sale-Stand im Klamottengeschäft umzurennen? Im Grunde genommen wäre das pure Heuchelei. Tun wir nicht zu wenig? Eigentlich überhaupt nichts!?

Horchen wir mal in unser Inneres, seien wir mal ganz ehrlich: Liegt der Grund nicht einfach darin, dass es unglaublich bequem ist in unserer Gesellschaft zu leben, sich der Unterhaltungsbranche hinzugeben, in Wohlstand gebettet zu sein und bei solchen Meldungen schlicht und einfach wegzugucken?
Das was wir nicht hören wollen, schalten wir aus. Ja, auch das ist ein Privileg, wohlgemwerkt, denn andere können Hunger, Durst, Armut oder Leiden nicht einfach abstellen.

Wir sind eine „Wegguckgesellschaft“, eine Luxus-, Konsum- und Wegwerfgesellschaft, errichtet auf der Basis von Ausbeutung und Ungerechtigkeit.

-sumsilatipakitna-

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Kommentare
  1. dietugend sagt:

    Der Beitrag ist wirklich gelungen, das Problem „Ignoranz“ ist in unserer Zeit gegenwärtig und oft zu beobachten. Daher stimme ich der These „Wir sind eine Wegguckgesellschaft“ zu: Wir ignorieren Leid und Elend in der Dritten Welt, obwohl es uns selbst gut geht. Die Bilder von armen Menschen ergreifen uns zwar, aber wir gehen am nächsten Tag trotzdem wieder in den Supermarkt und kaufen die billigen Lebensmittel. Die bestehende räumliche Distanz hilft uns dabei. Doch was fast noch schlimmer ist, ist dass wir Leid und Elend sogar ignorieren wenn wir direkt damit konfrontiert werden und nicht nur indirekt über Medien. Wenn Menschen auf offener Straße zusammengeschlagen werden, laufen die meisten Passanten vorbei ohne zu helfen, obwohl sie die Notsituation des Opfers erkennen: laut dem Motto: Ist doch nicht mein Problem. Aus Faulheit und Feigheit, wie Kant es ausdrückt, helfen sie nicht. Dabei predigen wir doch alle moralisches Handeln und Werte oder nicht? Wir sind doch der Meinung, dass Menschen geholfen werden muss, die in Not sind. Dabei können wir unsere Verantwortung auch nicht auf irgendeine Instanz abschieben wie zum Beispiel die Politik. Nein, in dieser Situation sind wir selbst verantwortlich dafür was passiert. Alle Menschen, die einfach vorbeilaufen und nichts tun, tragen eine Mitschuld. Natürlich kann niemand gezwungen werden einzugreifen, wenn das eigene Leben gefährdet wird, aber gefährdet man sein Leben, wenn man „nur“ die Polizei ruft oder die Täter aus einiger Entfernung auffordert aufzuhören? Dennoch sollte man auch bedenken, dass es zum Glück immer noch mutige Menschen gibt, die eingreifen und helfen, ihre Unmündigkeit überwinden. So gibt es auch Menschen, die das Elend in Bangladesch, Indien und Pakistan nicht nur wahrnehmen sondern auch aktiv etwas dagegen tun: sie kaufen nicht bei H&M, sondern gehen in teurere Läden, die ihre Kleidung in Deutschland fertigen lassen. Das Problem dabei ist jedoch, dass es sich nicht alle Menschen leisten können teurere Lebensmittel zu kaufen beziehungsweise Kleidung. Manche Menschen wie zum Beispiel Alleinerziehende müssen ständig schauen wie sie „über die Runden kommen“. Da können ein paar Cent mehr für die Milch große Auswirkungen haben. Aber es kostet kein Geld einzugreifen, wenn ein Anderer Opfer einer Gewalttat wird. Man sollte bedenken, dass jeder Opfer einer Gewalttat werden kann. Man sollte sich einmal selbst die Frage stellen: schaue ich auch weg? Denn wenn man die Gesellschaft beziehungsweise die Welt verbessern will, muss man erst einmal bei sich selbst anfangen.

  2. madbread sagt:

    Ich stimme euch ebenfalls in der Meinung zu, dass wir eine typische „Wegguckgesellschaft“ sind. Doch finde ich, dass dies kein Problem der Moderne ist, auch wenn sich die Größenverhältnisse enorm verändert haben. Wenn man einen Blick in die Vergangenheit wirft, sieht man ziemlich schnell, dass es von früher zu heut nur wenige Unterschiede gibt.Früher hatte man auch massig Bettler vor der Haustür, vor tausenden Jahren hat man sich genauso seine Sklaven gehalten wie wir es heute tun (Ich will dies auf keinen Fall gutheißen!!). Das Problem liegt meiner Meinung nach weniger in der Gesellschaft, sondern mehr im Wesen des Menschen. Der Mensch sucht, egal von welchem Kontinent, welcher Religion oder Kultur immer seinen eigenen Vorteil. Bei manchen ist dieses Verhalten stark ausgeprägt und kennen weder Skrupel noch Mitleid und bei anderen ist dieser menschliche Wesenstrieb mehr unter Kontrolle gehalten. Es war so, es ist in der Moderne so und es wird voraussichtlich bis zum Ende unseres daseins so bleiben, dass man lieber wegguckt als sich vom bequemen Thron der Menschheitshyrachie zum Boden zu bücken und den Mitmenschen aufzuhelfen!

  3. Auch ich stimme damit überein, unsere heutige Gesellschaft begründet als ‚Wegguckgesellschaft‘ bezeichnen zu können. Aber ‚madbread‘ hat auch Recht, wenn er/sie sagt, dass das schon in allen Epochen der Menschheitsgeschichte so gewesen ist und es gibt auch immer welche, die helfen und sich für die Rechte ärmerer Menschen einsetzen und welche, die lieber weggucken, weil sie es sich ja leisten können.
    Das ist auch beim Weggucken, wenn einer beispielsweise zusammengeschlagen wurde so. Der Instinkt des Menschen sagt ihm ’schau weg, sonst gefährdest du dein Leben‘, das war schon immer so. Natürlich ist Zivilcourage wichtig und das wird man auch überall gelehrt, aber man kann eben nichts machen, wenn sich nicht alle daran halten, außer, selbst anders zu handeln.
    Würden einfach alle verantwortungsbewusst handeln, dann bräuchte niemand für die Rechte der armen Menschenkämpfen. Ein mögliches Beispiel: Der Großteil der Deutschen kauft nur noch bei heimischen Läden, die auch in Deutschland zu einem fairen Preis Kleidung produzieren lassen. Dadurch haben diese Betriebe genug Geld, ihren Laden auszuweiten und es können immer mehr Leute bei ihnen einkaufen. Die Betriebe im Ausland, die zu Billiglöhnen Kleidung produzieren lassen, um sie nach Deutschland zu importieren, würden pleite gehen. Es geht hier um Angebot und Nachfrage. Klar, dann hätten die Arbeiter dort erst einmal gar keine Arbeit, aber dann könnten sie in ihrem Land eine eigene Wirtschaft zu errichten beginnen. Vielleicht ist es erkennbar, aber ich heiße die Globalisierung nicht hauptsächlich für gut.
    Nun, die Politiker tragen tatsächlich keine Schuld an dem Elend der ärmeren Menschen und diesem allgemeinen Ungleichgewicht auf der Erde. Es sind die Verbraucher und die geldgeilen Vorstände solcher großen Konzerne wie ‚Nestlé‘.
    Natürlich steckt viel Heuchelei in uns. Entweder wir sagen, das ist nun einmal der Lauf der Welt und es stört uns nicht, weil das Leben sowieso endet und letztendlich keinen Sinn macht und es für den einzelnen Menschen, egal ob in reicheren oder in ärmeren Ländern nicht dramatisch ist, weil er keine Bedeutung hat-und eine Generation eines Menschenlebens dauert nicht lange. Oder man sagt, dass es einen rührt, dass man das schlimm und grausam findet. Gut, dann soll man aber auch, zumindest für sich selbst, etwas dagegen tun und keine Tierprodukte aus Massentierhaltung, keine Kleidung, die in armen Ländern produziert worden ist und kein Trinkwasser von Nestlé 😀 mehr kaufen.
    Allerdings muss ich auch sagen, dass es für mich kein Argument ist, wenn man sagt, dass man wenig Geld hat. Dann kauft man eben seltener und weniger teurere in Deutschland produzierte Kleidung, kauft nicht immer viel zu viel Essen und kocht selbst, denn, dass gesundes und fair produziertes Essen teurer ist als die ganze Zeit Fertiggerichte zu kaufen, ist ein Irrglaube. Außerdem soll man dann eben keine Kinder bekommen, wenn man nicht genug Geld hat oder, man geht teilweise eben das Risiko ein, mehr Geld auszugeben, denn damit ginge es einem, materiell gesehen, immer noch besser als einem Fabrikarbeiter in einem Entwicklungsland. Wenn man sich wirklich dafür einsetzen möchte, dann zieht die Aussage ‚Ich habe ja selbst nicht genug Geld‘ nicht. Denn wie gesagt, dann schränkt man gefälligst seinen Konsum ein oder man zieht in die Wildnis, dort kann man dann leben wie die Urmenschen, wobei man dann auch weggucken würde, weil einem das Elend der Welt bewusst ist, man sich aber der Verantwortung entzieht.
    Jedenfalls soll man dieses Konsumverhalten nicht kritisieren, wenn man es am nächstem Tag doch wieder selbst verfolgt, da stimme ich mit dir, ‚dietugend‘ überein.
    Aber ich glaube nicht, dass sich dieses Verhalten während der Dauer dieser Welt noch sehr verändern wird, da es immer zu wenige geben wird, die verantwortungsbewusst handeln.
    Viele können das auch erst tun, wenn sie ihr Elternhaus verlassen haben, da diese eben auch dem Prinzip der Heuchelei folgen…

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