Körperwelten

Veröffentlicht: 10. Dezember 2013 von sncbn in Allgemein

„Körperwelten“ lautet der Titel einer Ausstellung von Gunther von Hagens, die nicht unumstritten ist. Demnächst werde ich sie mit meinem Biologiekurs besuchen. Vielen ist diese Ausstellung sicherlich schon bekannt, da sie, als sie vor einigen Jahren eröffnet wurde, bereits für einige kontroverse Berichte in den Medien gesorgt hat.

Es handelt sich um ein Wanderausstellung, in der plastinierte menschliche Körper gezeigt werden. Gunther von Hagens hat dazu ein Verfahren entwickelt, mit dem er es schafft, die Körper zu konservieren. Es handelt sich also um echte menschliche Körper, die damit auf eine Weise behandelt werden, dass sie nicht nur haltbar für eine Ausstellung sind, sondern auch noch in verschiedene Formen gebracht werden können. Dadurch gibt es beispielsweise Plastinate, die so dargestellt sind, als würden sie gerade Fußball spielen. Womit sich eine zentrale Frage ergibt: Ist es eigentlich in Ordnung, Tote zu benutzen, um abstrakte Kunstwerke anzufertigen?

Zuerst einmal haben sich diese Toten natürlich zu Lebzeiten freiwillig dafür entschieden, dass mit ihrem Körper nach ihrem Ableben derartiges geschehen darf. Wobei sie nicht mitbestimmen durften, wie genau sie später dargestellt werden würden.  Eine schwangere Frau ist nun beispielsweise Teil der Ausstellung. Man sieht sie auf dem Bett liegend in einer offensichtlich aufreizenden Pose. Ob es das war, was sie wollte, als sie beschlossen hatte, ihren Körper „unsterblich“ zu machen? Möglicherweise nicht. Andererseits sollte eine Ausstellung auch kein trockener Biologieunterricht sein, sondern das Interesse der Zuschauer wecken. Wahrscheinlich lernen die meisten Menschen durch die interessant gestalteten Werke auch wirklich extrem viel über den menschlichen Körper. Insofern geht die Ausstellung also absolut den richtigen Weg. Übrigens erkennt so oder so niemand mehr bei irgendeinem Toten, wer er einmal war. Denn alle werden bei ihrer Plastination verfremdet, indem ihnen die Haut abgezogen wird – der Betrachter sieht nur noch die Muskeln, und es ist ihm nicht möglich, noch jemanden zu identifizieren.

Wie schon gesagt handelt es sich um eine Ausstellung von jemandem, der nicht allein Biologe, sondern genauso Künstler ist. Von Hagens selber, der Hersteller aller Plastinate ist, bezeichnet seine Ausstellungsstücke jedenfalls als Kunst. Er möchte den Leuten mehr zeigen als nur Körperteile mit ihren lateinischen Fachbegriffen – was ihm auch offensichtlich ziemlich gut gelingt. Das zeigt sich schon bei einem Blick auf die Besucherzahlen, die außerordentlich gut sind. Und die Ausstellung ist inzwischen selbst international sehr erfolgreich, sogar in den USA wurde sie schon gezeigt. Man könnte gegenhalten, dass Von Hagens nun einerseits weder die Ansprüche erfüllt, die Biologen haben, da er seine Ausstellungsstücke nicht sachlich-nüchtern vorführt. Andererseits macht er sich für richtige Kunstwerke auch möglicherweise nicht genug Gedanken. Sind seine Werke nicht letztendlich nur Unterhaltung für die Massen? Antwort: Ja, sie sind Unterhaltung. Aber mit zwei wichtigen Zielen: Erstens, den Menschen ihren eigenen Körper aus biologischer Sicht näher zu bringen. Und zweitens, ihnen die Angst vor dem Tod zu nehmen. Nicht umsonst trägt die Ausstellung den Untertitel „Der Zyklus des Lebens“.

Gunther von Hagens schafft also Kunstwerke, die gleichzeitig viele Einsichten in die Biologie in Bezug auf die Anatomie des Menschen liefern und dazu durch künstlerische Aspekte interessant gemacht werden. Des Weiteren schafft er es, die Menschen dazu zu bringen, über ihr eigenes Leben und den Tod nachzudenken, vor dem er gleichzeitig die Angst nimmt. Folglich benutzt er keinesfalls tote Menschen als Unterhaltungsgegenstand, sondern bringt vielmehr seinen Zuschauern den menschlichen Körper auf interessante Art und Weise näher und zeigt ihnen tatsächlich den Zyklus des Lebens.

 

Übrigens: Gunther von Hagens selbst sagt, er würde das Leben viel mehr schätzen, seitdem er Plastinate für die Ausstellung erarbeitet. Wenn er einmal stirbt, will auch er seinen Körper dafür zur Verfügung stellen. Würdet ihr zustimmen, dass euer Körper nach dem Ableben für wissenschaftliche Zwecke oder sogar solch eine Ausstellung verwendet wird – oder findet ihr, die Würde eines Menschen wird damit (im Nachhinein) verletzt?

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Kommentare
  1. hackfleisch567 sagt:

    Ich muss erstmal sagen, dass ich mir da vorher noch gar keine solchen Gedanken gemacht hatte und, dass ich diese Ausstellung selbst besuchen wollte. Allerdings war mir schon klar, worum es sich dabei handelt und diese kontroversen Diskussionen sind mir auch zu Ohren gekommen. Nun, ich finde, dass es völlig in Ordnung ist, Leichen von Menschen, die vor ihrem Tod zugestimmt haben, zu wissenschaftlichen Zwecken oder der Arztausbildung zu verwenden, da man das nirgendwo besser lernen könnte als an einem echten Menschen. Ich will hier auch keine Vorurteile gegen Gunther von Hagens aufzählen, aber ich finde es nicht ethisch vertretbar, was er da tut. Klar sind es nur tote Hüllen, die er da verwendet, aber es erfüllt keinen sinnvollen Zweck und vielleicht passt es hier nicht hinein, aber ich finde, diese Körper wären auf einem Friedhof besser aufgehoben. Mir nimmt das nicht die Angst vor dem Tod; es verstärkt sie, wenn ich mir ins Gedächtnis rufe, dass das lebende Menschen sind/waren. Außerdem glaube ich doch stark, dass der gute Gunther da auch sein Geld dran verdient hat und die Leute das auch anschauen, weil es einen Reiz hat. Warum schauen Menschen Filme an, in denen Menschen gequält werden? Es liegt in ihrer Natur und es würde mich interessieren, ob die Besucherzahlen viel geringer wären, wenn man keine exlebendigen Menschen verwendet hätte. Wozu müssen alle Menschen wissen, wie genau ihr Körper aufgebaut ist; bzw. besser: Wieso müssen es alle an echten Menschenkörpern sehen? Sind sie danach schlauer? Merken sie sich alles? Nein. Das als Kunstwerk zu bezeichnen ist fast zynisch. Man kann es auf beide Weisen sehen; das hier ist nur meine Meinung und ich will ja nicht sagen, dass ich es mir damals nicht angesehen hätte. Aber es hat schon einen großen Unterhaltungswert und ich bin mir wirklich unsicher, ob die Menschen das gewollt hatten. Das mit der schwangeren Frau hat mich im ersten Moment geschockt. Vielleicht liegt es auch daran, dass es mir manchmal Angst macht, wie wir uns entwickeln. Sollten wir nicht einfach den Tod Tod sein lassen und leben bis wir sterben? Wieso machen wir uns so viele Gedanken darüber? Viele Menschen, die dort hin gehen, wollen auch nicht nur etwas über den menschlichen Körper lernen, sondern es erfüllt einfach einen gewissen Zweck, es hat einen Reiz, ‚Leichen‘ zu sehen, um es krass darzustellen. Wenn jetzt herauskommen würde, dass es doch keine echten Menschen gewesen waren, was würde man dann in der Presse lesen; in Interviews hören? Wer weiß, wer weiß… Ich sage nicht, dass es absolut schlecht ist, diese Ausstellung zu betreiben, aber vielleicht ist es auch nicht absolut gut.

  2. dietugend sagt:

    Ich denke, dies ist eine Frage, die nur jeder für sich selbst beantworten kann. Wenn manche Menschen ihren toten Körper für eine Ausstellung zur Verfügung stellen wollen, dann sollen sie meiner Meinung nach auch die Möglichkeit dazu haben.

    Ich würde meinen Körper nach dem Ableben jedoch nicht für solch eine Ausstellung hergeben, da ich nicht mit der Vorstellung, dass mein toter Körper ein Ausstellungsstück in einem Museum ist, sterben wollen würde.
    Jeder muss selbst definieren, was für ihn Kunst ist, aber für mich sind Leichen, (um es einmal drastisch zu formulieren) die in bestimmte Positionen drapiert werden, keine Kunst. Der Mensch an sich ist bereits ein Kunstwerk und dieses Kunstwerk sollte bewahrt werden wie es ist. Ein toter Mensch sollte in Frieden ruhen.
    Außerdem kann ich mir vorstellen, dass es für die Menschen, die den Verlust des geliebten Menschen hinnehmen mussten, schwierig ist um den Menschen zu trauern und mit der Trauer fertig zu werden, wenn es keinen „richtigen“ Ort der Trauer gibt. Meiner Meinung nach ist ein Friedhof zur Trauer besser geeignet als ein Museum.
    Zudem sind der Tod eines Menschen und die Trauer um diesen Menschen ein persönlicher und privater Moment und kein öffentliches Schauspiel. Ich bin der Meinung, dass die Würde des Menschen damit im Nachhinein verletzt wird, andere Menschen sollten den Verstorbenen so in Erinnerung behalten wie er war, als er noch lebte.

    Ich würde eher zustimmen, dass mein Körper nach meinem Ableben für wissenschaftliche Zwecke verwendet wird, da dies anderen Menschen helfen und Leben retten kann. Für Mediziner ist es notwendig, dass manche Menschen einer Körperspende im Sinne der Wissenschaft zustimmen. Das Lernen am einst lebendigen Körper kann kein Buch ersetzen, in dieser Hinsicht bin ich genau der gleichen Meinung wie hackfleisch567.

    Doch am wichtigsten ist meiner Meinung nach den Körper für die Organspende zur Verfügung zu stellen. So kann kranken und verletzten Menschen direkt geholfen werden, denn viele kranke Menschen warten vergeblich auf ein Spenderorgan. Dies erscheint mir die wichtigste Bestimmung meines einst toten Körpers zu sein.

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