Ist der Mensch eine Bestie?

Veröffentlicht: 20. April 2014 von dietugend in Allgemein

Im Mai 1960 wird in Israel der Prozess gegen NS-Verbrecher Adolf Eichmann gemacht. Eichmann war für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden in Europa zuständig und letztendlich mitverantwortlich für deren Ermordung. Die Philosophin Hannah Arendt war während des Prozesses im Gerichtssaal anwesend und berichtete darüber. Hierbei fiel ihr auf, dass Eichmann weder ein Sadist, noch ein Psychopath oder ideologischer Fanatiker sei. Vielmehr kam er ihr vor wie ein „ganz normaler Mensch“, der sich trotz seiner grausamen Taten nicht großartig von seinen Zeitgenossen unterschied. Wie kann es sein, dass scheinbar normale Menschen zu Mördern und Folterknechten werden? Können auch wir zu einer Bestie, einem bösen mordenden oder folternden Monster werden?

Hängt der Fall Eichmann möglicherweise damit zusammen, dass die Gesellschaft im Nationalsozialismus ganz anderem Druck ausgesetzt war als wir heute? Sicherlich, damals herrschte Krieg. Die Menschen wussten zum Teil nicht, ob sie den nächsten Tag überleben würden, mussten sich bei Bombenangriffen im Keller verbarrikadieren und um Angehörige an der Kriegsfront bangen. Hinzu kam die NS- Führung, die den Alltag der Menschen diktierte und wenig Freiheiten ließ. Die Menschen hatten also ständig Angst, wurden „dazu gebracht“ den eigenen Verstand nicht mehr zu nutzen und stattdessen Befehle von Autoritäten zu befolgen.

Der bekannte Psychologe Stanley Milgram beschäftigte sich erstmals in den 1960er Jahren damit, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, wenn sie wissen, dass sie anderen Schmerzen zufügen. Diese Frage untersuchte er mit dem Schwerpunkt „Gehorsam gegenüber Autoritäten“.

Wer es nicht kennt- Das Experiment sah folgendermaßen aus:
Dem Probanden wurde im Experiment die Rolle des „Lehrers“ erteilt. Seine Aufgabe war es einem „Schüler“, der sich in einem Nebenraum befand, Aufgaben zu stellen. Wenn der Schüler falsche Lösungen äußerte, wurde er vom „Lehrer“ mit einen elektrischen Stromschlag bestraft. Dabei wurde die Spannung nach jedem Fehler um 15 Volt erhöht. Obwohl der Proband den Schüler nicht sehen konnte, konnte er ihn hören. Erreichte die Spannung beispielsweise 150 Volt, verlangte der Schüler, von seinem Stuhl losgebunden zu werden, da er die Schmerzen nicht mehr aushalte, bei 200 Volt hörte der Lehrer Schreie, bei 200 Volt lehnte es der Schüler ab zu antworten, da er zu große Angst vor Schmerzen verspürte und ab 330 Volt war nur noch Stille zu hören- man musste davon ausgehen, dass der Schüler tot ist. Die Voltstärke ließ sich jedoch bis auf 450 Volt erhöhen. (vgl. Quelle)

File:Milgram Experiment.pngLizenz: CC by Wapcaplet Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Was schätzt ihr wie weit die meisten Probanden gegangen sind?
Wie weit würdet ihr gehen?

Von den vierzig Probanden beendeten fünf bei 300 Volt den Versuch, vier Probanden bei 315 Volt, wiederum fünf im Bereich von 330- 375 Volt, jedoch hielten ganze sechsundzwanzig Menschen das Experiment bis zum Ende durch und gaben den 450 Volt- Schock.
In Wirklichkeit erlebte der „Schüler“ natürlich keine elektrischen Stromschläge, sondern reagierte nach einem vorher bestimmten Schema. Außerdem befand sich im Raum des „Lehrers“ noch ein „Versuchsleiter“ (natürlich auch ein Schauspieler), der den Probanden, sobald dieser Zweifel äußerte, dazu aufforderte weiterzumachen. Das Experiment wurde oft in ähnlichem Versuchsaufbau in allen möglichen Ländern und Zeitepochen wiederholt. Es ergaben sich immer ähnliche Resultate.
Beachtet werden muss allerdings, dass die Probanden beim Ausführen ihrer Stromstöße nicht allein waren. Es zeigt vielmehr, wie viele Menschen bereit sind, sich gehorsam gegenüber Autoritäten zu verhalten und zu tun, was der Versuchsleiter verlangte, obwohl viele der Schüler Schmerzensschreie von sich gaben. Aber ich denke wir kennen das Phänomen alle: Sobald wir uns in Gruppen aufhalten neigen wir, als soziales Wesen, dazu uns anderen anzupassen. Die Gruppe gibt uns Sicherheit und innere Stärke.

Die Konformität zu der wir neigen ist sogar biologisch begründet. Habt ihr schon einmal beobachtet, dass jemand gähnt und man plötzlich auch gähnt, obwohl man eigentlich gar nicht müde ist? Dies wird durch sogenannte Spiegelneuronen im Gehirn ausgelöst. Sie sorgen dafür, dass man sich seinem gegenüber angepasst verhält.
Oder seid ihr schon einmal an einer Ampel gestanden und seid einfach losgelaufen, obwohl sie noch rot war? Sind euch dann andere Menschen gefolgt? Wahrscheinlich schon.

Kommen wir noch einmal auf das Milgram-Experiment zu sprechen: fünf Probanden gaben das Experiment auf, machten nach dem 300 Volt- Schock nicht mehr weiter und widersetzen sich den Anweisungen des Versuchsleiters. Auch im Nationalsozialismus gab es Menschen, die dem Regime kritisch gegenüber standen und sogar dagegen propagierten. Was sind das für Menschen, die widerstehen können und nicht gehorsam sind?

Psychologen analysieren Persönlichkeitsmerkmale von uns Menschen mit fünf zentralen Eigenschaften- die sogenannten Big Five:
• Neurotizismus (Angst, Nervosität, Anspannung, Unsicherheit, Verlegenheit)
• Introversion/Extraversion (gesellig, aktiv, gesprächig, herzlich, optimistisch)
• Offenheit für Erfahrungen (wissbegierig, intellektuell, fantasievoll)
• Verträglichkeit (Verständnis, Wohlwollen, Mitgefühl, Vertrauen, Kooperativ)
• Gewissenhaftigkeit (sorgfältig, planend, effektiv, verantwortlich, zuverlässig, überlegt)

(vgl. Quelle)

In der Auswertung der Persönlichkeitsmerkmale der Probanden zeigte sich, dass sehr verträgliche, gewissenhafte, zufriedene und nicht aggressive Menschen meist gehorsam waren und bis zum Tod „durchgefoltert“ hätten. Es ergab sich ebenso kein Zusammenhang zwischen Empathie und Zivilcourage. Besonders empathische, soziale Menschen reagieren in Extremsituation sogar noch eher bestialisch und konform als unglückliche, skeptische, konfliktfreudige, unzuverlässige und nicht sozialverträgliche Menschen.

Ist der Mensch also eine Bestie? Im Alltagsleben verhalten wir uns oft sozial, helfen anderen, engagieren uns in Vereinen oder helfen Freunden oder Familienmitgliedern. Aber wenn es die Situation zulässt, sind viele zu einigem fähig. Haben wir zum Beispiel die Möglichkeit einer „sozialen Erleichterung“, können wir die Verantwortung für unser Handeln auf andere übertragen, indem wir Befehle von Autoritäten (Staatschefs, Versuchsleitern, Lehrern) befolgen oder in einer Gruppe agieren und somit nur ein kleines Rädchen im Getriebe sind, befinden sich viele in der Situation wie in einem „Rauschzustand“, unfähig ihr Verhalten ausreichend zu reflektieren und Konsequenzen einzuschätzen oder wir rechtfertigen das Verhalten mit Gesetzen. Daher steckt meiner Meinung nach in jedem Menschen so etwas wie eine Bestie. Manche können sie bändigen und verstecken, anderen gelingt dies nicht. Auch unser Umfeld und unsere Erfahrungen, die wir machen, tragen erheblich dazu bei, ob wir die Bestie in uns besiegen können.

Was meint ihr: Sind wir alle unberechenbar und zu allem fähig, auch zu Taten, die wir uns „im Normalzustand“ nicht vorstellen können: zu Mord oder Folter- sobald es die Situation zulässt?

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Kommentare
  1. miniimouse sagt:

    Ich denke nicht, dass man den Menschen direkt als Bestie bezeichnen kann, da er diese Taten zum Großteil nicht ausführt, da er gefallen an ihnen selbst oder an ihrer Wirkung findet. Viel mehr lässt sich hier auch der Überlebenstrieb, der in jedem Menschen steckt beobachten. Der Mensch versucht so zu handeln, wie es ihm den größten Vorteil oder eben den geringsten Nachteil beschert. Dieser Nachteil wäre hier in diesem Versuch die Auseinandersetzung mit der Autorität, welche möglicherweise auch negative Konsequenzen für ihn bedeuten könnte, welcher die Versuchsperson entgehen möchte. Sie sucht also den einfachsten Weg für sich selbst. Auch um ein schlechtes Gewissen, welcher ein Nachteil des Befolgens der Aufgaben sein könnte, muss sich die Person nicht sorgen, da sie, wie schon genannt, die Schuld auf die Autorität schieben kann, oder es mit der These „wenn ich es nicht tue, tut es jemand anders“ beruhigen kann. Es ist somit nicht die Lust andere leiden zu sehen, die die Menschen dabei antreibt, sondern eher der eigene Egoismus.

  2. fredlchen sagt:

    Ich stimme miniimouse zu, dass die Bezeichnung des Menschen als Bestie übertrieben ist.
    Dennoch finde ich es sehr erschreckend, zu was der Mensch und damit auch ich selbst fähig bin.
    Allerdings denke ich, dass es wesentlich einfacher ist einem anderen Schmerzen zuzufügen, wenn man ihn nicht direkt von Angesicht zu Angesicht sieht.
    Bisher war ich der Ansicht, dass ich keinen Menschen umbringen könnte, egal wie die Umstände sind. Aber dieser Artikel und auch die Kriminalsendungen im Fernsehen, die immer einen Mord behandeln und damit auch oft schlimme Umstände und Gründe zum Begehen eines Mordes, machen mich nachdenklich. Kann ich wirklich zu 100% sagen, dass ich in Extremsituationen niemandem Schmerzen zufügen würde? Ich glaube mitlerweile nicht mehr daran. Jedoch ist es meiner Meinung auch eine Sache der „Vorbereitung“, wenn ich mir jetzt fest vornehme nicht nur aus Überlebenstrieb und Egoismus in Extremsituationen zu handeln, kann ich vielleicht anders handeln, wenn es wirklich soweit kommen sollte.

  3. Auch ich finde, dass man den Menschen nicht pauschal als Bestie bezeichnen kann, da meiner Meinung nach Menschen sowieso weder über andere richten, noch bestimmen dürfen sollten, was falsch und was richtig ist. Aber ich denke, wir sind uns alle darin einig, zu sagen, dass es etwas Schlechtes ist, anderen Menschen Leid zuzufügen. Gehen wir jedenfalls einmal davon aus. Dann tun die in dem Experiment beschriebenen Personen diese Übeltaten ja nicht, wie auch ‚miniimouse‘ schon andeutet, aufgrund sadistischer Veranlagungen, zumindest die meisten nicht und daher hat das nichts mit einer Bestie zu tun. Sie tun es, weil sie der Obrigkeit ‚gefallen‘ wollen und Auseinandersetzungen, beziehungsweise möglicherweise eine eigene Bestrafung auf jeden Fall vermeiden wollen. Das ist nur zum Teil verständlich. Ich stimme dir, ‚fredlchen‘, zu, wenn du sagst, dass man wahrscheinlich anders handeln können wird, wenn man sich in der Gegenwart vornimmt, nicht wegen seines eigenen Überlebenstriebes oder Egoismus, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, zu so einer Gräueltat aus Gehorsamkeit oder aus Wunsch zur Dazugehörigkeit (wie beispielsweise im Nationalsozialismus) zu begehen, aber ich denke, dass das auch immer daran liegt wie bereit man zu Auseinandersetzungen ist, wie stark der eigene Überlebenswille und der Wunsch, sich zu widersetzen ist. Außerdem scheint es ja, wie es ‚dietugend‘ erwähnt, auch von bestimmten Charaktermerkmalen abzuhängen.
    Jedenfalls passt hier die Bezeichnung des Menschen als Bestie meiner Meinung nach einfach nicht. Meinetwegen könnte man einen sadistischen Mörder oder Peiniger als Bestie bezeichnen, aber ein Mensch, der, ohne viel selbst zu überlegen und vor allem, ohne dann die Verantwortung auf sich zu nehmen, aufgrund von Befehlen böse Dinge tut, ist keine Bestie, sondern nicht fähig, eine eigene Meinung zu diesem Thema zu entwickeln.

    • moongargoyle sagt:

      Der Mensch ist eine Bestie, wie bestialisch genau darüber lässt sich streiten.

      Aber immer wieder wird durch Versuche festgestellt, dass der Mensch zumeist nur dann handelt, wenn er vorher genau weiß, dass es ihm einen Vorteil bringt und er keine Konsequenzen fürchten muss bei Fehlverhalten – sei dies auch nur der Konflikt mit dem eigenem „Gewissen“. Ein Beispiel: Ein Auto ist verunglückt und anstatt zu helfen, durch Wiederbelebung, etc., fahren die meisten Menschen daran vorbei, da sie damit nichts zu tun haben wollen. Es bringt ihnen keinen Vorteil und die Angst vor dem eigenem Versagen ist so groß, dass sie eher vorbei fahren und hoffen, dass sich ein anderer darum gekümmert hat, selbst der Griff zum Handy um die Rettung zu rufen wird auf andere abgewälzt. Womit sie den Tod eines ihnen fremden Menschen in Kauf nehmen. Soviel also schon mal zu dem „sozialen und humanem“ Menschen, der ist meiner Meinung nach ein schlichtes Gedankenkonstrukt, weil die Menschen es selbst nicht ertragen zu wissen, dass in einer extremen Situation in derer sie Hilfe möglichst schnell brauchen, ihnen keine Hilfe zuteil werden wird!
      Zurück zu dem geschildertem Experiment: Hier foltern die Menschen, da sie Angst haben vor möglichen Sanktionen der Autoritätsperson, einen Vorteil gewinnen sie dadurch, dass sie eben definitiv keine Nachteile bekommen und ihr Gewissen dadurch besänftigen können, da sie sich völlig einer anderen Person unterwerfen, die ihnen durch die ständigen Aufforderungen dazu bringt, die Entscheidungsgewalt abzugeben, d.h. der „Lehrer“ gibt die Verantwortung seines Handelns vollständig ab.
      Zunächst einmal erscheint es so als ob dieses Verhalten der Testpersonen nur auf einem Konfliktvermeidungsverhalten basiert, allerdings würde ein sozialer und humaner Mensch, trotz dass er versuchen würde sich der Gesellschaft anzupassen, doch seine eigene Entscheidung – das Strafmaß bzw. die Stärke der Stromstöße anpassen – und nicht, bis weit über die „Todesgrenze“ noch foltern, wenn er nicht zumindestens fasziniert/ gefesselt ist von den Geräuschen des Gefolterten, da dieser ihm im Gegensatz zur Autorität das Gefühl gibt Macht zu haben. Durch das Geltungssteben des Menschen, welches schon im frühen Kindesalter beginnt (durch das ziehen der Aufmerksamkeit der Eltern auf sich), versucht der Mensch seine soziale Stellung zu sichern und aufzuwerten. Durch das Gefühl der Minderwertigkeit und der Unsicherheit tendieren Menschen dazu Macht über andere auszuüben, bzw. den Befehlen anderer zu folgen. Ein anderes Beispiel für die Ausübung von Macht durch Gewalt ist Mobbing, auch wenn hier häufig die Folter psychischer Natur ist. So haben doch die ausführenden Menschen ihren „Spaß“ daran den Unterlegenen zu quälen, da es ihnen das Gefühl von Überlegenheit/ Macht vermittelt, das sie sonst in ihrem (familiären) Umfeld nicht vermittelt bekommen.

      Der Mensch verhält sich von Natur aus nur begrenzt sozial und human, solange es ihm nützt, bzw. nicht schadet in dem Gefüge des sozialen Miteinander. Menschen greifen zumeist nur dann zur Gewalt/ Folter o. Ä, wenn sie ihre soziale Stellung behaupten müssen, bzw. sich eine soziale Stellung erkämpfen müssen, damit sie nicht von den ihnen höher gestellten Menschen korrigiert werden.

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